Saturn im Skorpion

Verdichtung  •  Vertiefung  •  Verantwortung

5. Oktober 2012 bis 23. Dezember 2014 und 14. Juni 2015 bis 18. September 2015

 

Mit Saturns Lauf durch das Tierkreiszeichen Skorpion erleben wir eine Verdichtung der Zeitqualität: die Dichte der Ereignisse der gegenwärtigen Zeitphase nimmt zu. Von besonderer Bedeutung sind hier die inneren Erlebnisse und Ereignisse. Wenn wir uns in diesem inneren Prozess ernsthaft engagieren (und ich nutze hier gerne das englische geschätzte Wort: commitment), kann sich das Geschenk dieser Konstellation voll entfalten: das Loslassen der über die Zeit angesammelten Werte, die für unseren sich beständig entwickelnden Lebensprozess nicht mehr dienlich sind.

 

Der Archetyp[1] Skorpion in uns drängt immer danach etwas loszulassen, wenn die Zeit gekommen ist. Bildhaft spiegelt sich das im Herbst. In dessen drei Phasen der Ernte, des Loslassens und des Vorbereitens ist es die skorpionische Kraft, die das Loslassen, das Sterben in der Natur am stärksten ausdrückt. Die Sonne durchquert dieses Zeichen in 30 Tagen – Jahr um Jahr. Saturn braucht dafür etwa 2 ½ Jahre und wiederholt diesen Zyklus alle 29 Jahre.

 

Nachdem die Ernte eingebracht ist, zieht sich im Herbst das Grün aus den Blättern zurück; die Lebenskraft kontrahiert über den Winter in Stamm und Wurzeln. Die Lebenskraft wird verinnerlicht, die Kraft innen gebündelt und gespeichert, um den äußeren widrigen Umständen gegenüber gewappnet zu sein.

 

Dieser Abschied ist mit einem Moment der Trauer verbunden. Wir verabschieden uns vom Licht – vom goldenen leuchtenden Herbst – und bereiten uns auf die dunkle Jahreszeit vor, zunächst auf den oft verregneten November (den Skorpion-Monat). Je bewusster wir uns nach innen ziehen – je bewusster wir auch die Trauer wahrnehmen und annehmen, dass der Abschied gekommen ist – umso näher kommen wir unserem Wesenskern.

 

Der Archetyp Skorpion konfrontiert uns also mit dem Sterben. Wenn wir beim herbstlichen Bild bleiben, versinnbildlicht das skorpionische Sterben den ewigen Prozess von Stirb und Werde, ist das Sterben „nur“ der Übergang in eine nächste Seinsstufe.

 

Der Archetyp Saturn konfrontiert uns ebenfalls mit dem Tod. Saturn (auch Chronos) wird Hüter der Zeit genannt. Er konfrontiert uns mit der Endlichkeit. Die saturnische Erfahrung, dass das Ende gekommen ist, wird schmerzhaft als unausweichliches endgültiges Schicksal erlebt. Kaum etwas wird so erbarmungslos empfunden wie der physische Tod und damit unwiderrufliche Verlust eines geliebten Menschen.

 

Mit der Verbindung dieser zwei verschiedenen Archetypen verstärkt sich der innere Auftrag, an dieser in unserer Psyche so komplexen und widersprüchlich erfahrenen Dimension zu arbeiten: der Sterblichkeit, der Endlichkeit, der Einsamkeit und der Unwiderruflichkeit.

 

Obwohl wir die Erfahrung als zutiefst befriedigend erleben, wenn wir wahrhaft losgelassen haben – einen geliebten Menschen, eine Situation, eine Erwartung, eine Projektion etc. – fällt es uns doch so schwer, das Loslassen. Warum ist das so?

 

Saturn (auch der Hüter der Schwelle) ist ein Wächter. Er bewacht die Schwelle zwischen Bewusstsein und Unbewusstsein, zwischen Begrenzung und Freiheit, zwischen Depression und Kontemplation, zwischen Persönlichkeit und Seele, zwischen Außen und Innen, zwischen Materie und Geist, zwischen „Ich bin dieses und jenes“ und „ICH BIN“.

 

Das alte Ich mit seinen angesammelten Eigenschaften befindet sich im beständigen (= chronischen = CHRONOS) Streit mit den unbewussten Bestrebungen nach Tod und Erneuerung eben dieses Ichs. Dieser Streit endet allzu oft in unliebsamen Wiederholungen. Wir kennen diese oder jene Situation gut. Vielleicht haben wir die Arbeitsstelle gewechselt oder die Menschen, mit denen wir im Clinch liegen, haben andere Namen. Aber uns selbst – und unseren Begrenzungen – können wir letztlich nicht ausweichen.

 

Dem Zeitpunkt jenes vollkommenen Augenblicks, in dem ein grundlegender Richtungswechsel vorgenommen werden kann, geht eine Zeit der Leere, der Stille, des Stillstands, der Vertiefung voraus. Diese „Dunkle Nacht der Seele“ ist vor jedem tiefen Entwicklungsschritt unentbehrlich. Die Lebenskraft hat sich nach innen zurückgezogen – in unseren Stamm, unsere Wurzeln.

 

Indem wir an unsere Grenzen stoßen, indem wir an unseren Widerständen reifen, indem wir lernen unser Scheitern als Wachstumserfolg zu enttarnen, indem wir die Notwendigkeit unserer dunklen schmerzhafte Seite anerkennen, indem wir nicht nur die licht- und freudvollen Momente unseren Lebens als göttliche Erfahrung deuten, sondern auch unsere Erfahrungen von Druck, Beklemmung und Enge als wertvoll erleben – sorgen wir für das wichtige Gleichgewicht zwischen Persönlichkeit und Seele.

 

Diese Ernsthaftigkeit ist die Sprache von Saturn. Unser Verstand sagt uns vielleicht, dass es mühsam und abstoßend ist. Letztendlich erfahren wir aber dadurch bewusst, wie sich der unbegrenzte Geist fühlt – hier in der Inkarnation. Den unbegrenzbaren Geist in der körperlichen, menschlichen Begrenzung zu erfahren ist immer wieder auch eine schmerzhafte Erfahrung. Gott (Geist) wird sich seiner durch unsere begrenzte Fähigkeit bewusst – ja braucht sogar Begrenzung, um sich zu erleben.

„Wenn wir lernen uns zu trennen, trennen, trennen … kommen wir bei der Ganzheit an“ (SETH)

 

Unser Konflikt verschärft sich nun dadurch, dass wir alles in der Gegenwart halten wollen. Jede neue Erkenntnis fixiert sich durch unsere Neigung zur Identifikation. Wir identifizieren uns mit der neu erreichten Form und der Kampf beginnt von neuem: das neue Ich wird zum alten Ich, indem es das ewig verändernde Fließen des Lebens anhält. Wir identifizieren uns immer mit unserer Form – auch mit der im Wachstumsprozess ständig neu errungenen – und müssen diese doch auch immer wieder zerstören. Je mehr wir festhalten, umso schmerzlicher wird das Sterben.

 

Jetzt läuft also Saturn – Gott der Zeit und Hüter der Schwelle – in den Skorpion. Dies ist das Reich von Pluto – dem Gott der Unterwelt (unter der Zeit) und der Transformation (Transformation einer Realität in eine andere). Saturn trifft also Pluto – und das ist uns eine schon sehr bekannte Zeitqualität, da wiederum seit 2008 Pluto im Steinbock läuft – dem Reich von Saturn. Astrologisch nennt man dies eine Rezeption, die die Wirkkraft der beteiligten vier Archetypen anhebt.

 

Die eruptiven Energien dieser jetzigen Zeitperiode schleudern vermehrt aus der Unterwelt verdrängte Licht- und Schattenaspekte an die Oberfläche unseres Bewussteins. Das wird durch den Lauf von Saturn durch den Skorpion noch verstärkt. Entgegen unserem subjektiven Drang, der Wahrheit auszuweichen zu wollen, müssen wir diese vermehrt konfrontieren.

 

Das können schöne Wahrheiten über uns sein, wie die Erkenntnis oder Erfahrung, dass unsere erlebte Trennung eine Illusion ist. Aber auch ungeliebte Wesensanteile kommen an die Oberfläche. Damit wächst unsere Verantwortung, Bewusstseinsarbeit zu leisten. Unsere verdrängten Anteile, unsere archaischen animalischen Triebe, ungezügelten Energien, zerstörerischen Anlagen, unsere Unbeherrschtheit, Ohmacht, Verweigerung – vieles will gleichzeitig ans Licht und dort eine wahrhaftigere, integriertere Form finden.

 

„Der Himmel mag uns antreiben – die Menschen trödeln“ (Erin Sullivan)

 

Pluto – in seiner Umlaufbahn weit jenseits von Saturn – öffnet uns für die Tiefe unserer Seele, öffnet uns für die feinstofflicheren Bereiche unseres Selbst.[2] Wir streben nach jenseits der Schwelle – dies ist ein zutiefst im Menschen verankerter Trieb. Die feinstofflichen Bereiche unseres Selbst werden als das Wahre Selbst erlebt. Dieses Streben wird durch die planetaren Konstellationen unterstützt – viele nennen es das Erwachen des Neuen Bewusstseins. Nur ist es hingegen einer weit verbreiteten Hoffnung keine erhöhte göttliche Energie oder der „Synchronisationsstrahl aus dem Galaktischem Zentrum“, die aus dem Himmel auftauchen und uns retten. Vielmehr ist es der Kampf auf der Schwelle, der in uns selbst die Kraft erweckt, Altes zu besiegen und zu eliminieren, um Platz für Neues zu schaffen. Wir selbst haben die Verantwortung für unser Wachstum.

 

In unzähligen Mythen gleicht dieser Prozess dem Kampf mit Drachen, Riesen, vielköpfigen Ungeheuern, verschlingenden Meeren und hinterlistigen Göttern und Göttinnen. In diesen Metaphern kämpft der Held – also wir – mit Mächten, die seine persönliche Kraft übersteigen. Unsere Reaktion ist Überforderung, Angst, Verdrängung, Ausweichen. Dies sind durchaus angemessene Reaktionen, wenn wir uns mit einem Ungeheuer auseinandersetzen. Auch wenn wir in unserem Kampf Verletzungen hinnehmen mussten und unheilbare Wunden davon getragen haben, gibt es doch eine geheimnisvolle Kraft in uns, die uns weiterkämpfen lässt, immer wieder aufstehen lässt, immer wieder Siege erringt.

 

Die Geschenke dieses Kampfes – die Trophäen unserer Siege – sind Reife, Authentizität und schließlich spirituelles Wachstum. Wenn wir das Ewige in uns selbst erfahren, wenn wir auf die drängende Frage an die Tiefe unserer Seele „Wer bin ich?“ die Antwort zu hören beginnen: „ICH BIN“ – dann fahren wir die Ernte ein von Verdichtung, Vertiefung und Verantwortung: einen unverwechselbaren Seelenfrieden. Das Geschenk von Saturn. Und die Bereitschaft auch diesen – letztendlich alles – wieder loszulassen. Das Geschenk von Skorpion.

 


[1] Ich verwende hier Archetyp im Sinne von C. G. Jung. Nach ihm ist ein Archetyp ein Urbild, das in jeder menschlichen Psyche seinen Abdruck hat.

[2] Diese Unterstützung der feinstofflichen Ebenen unseres Selbst wird durch das Trigon von Saturn zu Neptun und Chiron in den Fischen bis 2014 maßgeblich unterstützt.

 

 

(Astrologische Vorkenntnisse nicht erforderlich)

Vortrag am Freitag, 2. November 2012, 18:00 Uhr,  Beitrag 10 €.

DER VORTRAG WIRD AUF CD MITGESCHNITTEN UND KANN FÜR 10 € BESTELLT WERDEN.

 

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