Occupy yourself! – und der Mythos um 2012

occupy: bewohnen belegen bekleiden innehaben besetzen füllen okkupieren beanspruchen in Anspruch nehmen einnehmen beschäftigen versehen.

 

Der epochale Wandel, indem wir uns befinden, wird gern die Geburt eines Neuen Zeitalters genannt. Zur Geburt braucht es für gewöhnlich eine Gebärmutter. Diese heißt altgriechisch: hystera.

 

Und so findet man jeweils eine kulturgefärbte Form der Hysterie in allen großen geschichtlichen Umbrüchen. Gesellschaftliche Neuanfänge sind stets begleitet von Verschwörungstheorien, Gerüchteverbreitung, düsteren Prophezeiungen und Erlösungsvorstellungen.

 

Während wir uns selbst die Frage stellen, welche Wege, Chancen und auch Gefahren es für uns gibt, in dieser Geburt, in diesem Heraustreten aus gesellschaftlichen, kulturellen und irdischen Bindungen, können wir im Außen jede Menge hysterische (heute genannt: histrionische) Symptome beobachten. Und nach gründlicher Innenschau – „occupierung“ –  sicherlich auch in uns selbst.

 

Die Hysterie galt vor der Zeit, ehe sich die Psychologie als empirische Wissenschaft durchgesetzt hatte, als Sammelbegriff wohl vieler Persönlichkeitsstörungen. Ein herausstechendes Merkmal nicht nur der histrionischen Störung ist die Projektion. Diese ist ein Abwehrmechanismus: wenn eigene unerträgliche Gefühle und Wünsche einem anderen Menschen oder Objekt zugeschrieben werden. Die eigenen meist unbewussten Eigenschaften werden im anderen bekämpft oder idealisiert. Neben persönlichen Projektionen auf Menschen gibt es politisch-gesellschaftliche – auf Menschengruppen, Rassen, Länder, Feiertage, oder auf Jahre, wie das Millennium.

 

Ein besonderes Phänomen nun ist das Jahr 2012. Aus meiner Sicht als Astrologin reiht sich das Jahr 2012 in einen mehrjährigen durchaus angespannten Zyklus ein. Es sind aber die aktuellen Bedingungen auf dem Planeten selbst, die jeweils zur Zeit eines revolutionären Wandels die etablierten Strukturen zur Neuorientierung zwingen. Das Jahr 2012 ist in diesem Zusammenhang „besonders“ dadurch, dass auf dieses Jahr derart viel projiziert wird. Wenn wir projizieren, geben wir dem Menschen oder Objekt Bedeutung und Macht.

 

In einer Zeit, wo sich viele Menschen von den etablierten Religionen weg hin zur Esoterik wenden, verschieben sich hier nur die Objekte der Projektionsflächen. So scheinen Menschen, die sich mit esoterischen und/oder religiösen Inhalten beschäftigen, anfällig für Projektionen zu sein. Der Erlösungsgedanke und die Angst (oder auch Hoffnung) auf eine Apokalypse waren jahrtausendelang zentraler Inhalt der christlich-abendländischen Kultur und leben in der New-Age-Bewegung weiter.

 

Menschen mit einem spirituellen Weltbild suchen nach dem Gefühl der Verbundenheit, befinden sich im Erkenntnisprozess von der Einheit allen Lebens. Wenn aber nun diese Erkenntnis nicht durch einen eigenen jahrelangen Prozess gewonnen wurde, sondern ein nachgeahmtes Wissen ist, schnell erworben in einer Konsumgesellschaft, die auch aus der Vermarktung spiritueller Inhalte ihren Gewinn zieht, entstehen verzerrte Wahrnehmungen und Interpretationen. Treffen diese nicht selbst durchdrungenen Erkenntnisse auf eigene infantile Bereiche oder auf eine sozial tief gekränkte Persönlichkeitsstruktur entsteht daraus schlichtweg Paranoia – ob nun der Dunkelheit oder dem Licht entgegen.

 

Entscheidend bei diesen Phänomenen ist die im Menschen tief verankerte Sehnsucht nach Erlösung. Nach C. G. Jung ist sie angeboren, ein archetypisches Grundbedürfnis, ähnlich dem Bedürfnis nach Fortpflanzung. Freud wiederum interpretierte dieses andauernde Streben nach dem Göttlichen als inzestuöses Verlangen. Liz Greene beschreibt die Sehnsucht nach Erlösung als einen uralten, eigenartigen und vielgesichtigen Dämon. Ein archetypisches – also überpersönliches – Verlangen, was allerdings nur schwer zu unterscheiden ist von infantiler Abwehrhaltung. Nur allzu leicht kann sich die Sehnsucht nach dem Spirituellen als Sucht oder resignierter Rückzug von der Wirklichkeit verkleiden.

 

Nutzen wir also die Occupy-Bewegung für unseren inneren Prozess! Wir können die Zeltlager aufschlagen vor den Hochhäusern unserer inneren Abwehrhaltungen und Mauern (Wall-Streets). Wir können einmal mehr innehalten – – – unsere vielen Projektionen aufrütteln. Ob nun 2012 oder eins von vielen anderen Dingen, womit wir versuchen, uns über unsere Vergänglichkeit, Gewöhnlichkeit, Fehlbarkeit, erlebte Trennung und Verzweiflung hinwegzutrösten.

 

JETZT können wir Teil sein einer Bewegung, die aufruft zu mehr Selbsterhaltung jenseits von Egoismus und Verklärung. Die Zeit ruft auf zu innerer Selbstständigkeit. Zur Selbstaufrichtung. Zur Eigenverantwortung am kollektiven Prozess.

 

Occupy yourself!

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