2012… davon geht doch die Welt nicht unter

Das Jahr 2012 ist Projektionsfläche geworden für verschiedene Erlösungsvorstellungen, sowohl ins Licht wie ins Dunkel. Da – nach nicht wirklich belegbaren und sehr unterschiedlichen Aussagen – einer der mehreren Kalendarien der Mayas in 2012 enden soll, wird das „Ende der Zeit“ erhofft oder gefürchtet. Ein Kalender ist ein Konzept einer Kultur, die Zyklen des Lebens in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen. Die Astrologie ist auch ein solches Konzept. Der Maya-Kalender bezieht sich zwar auf für uns ebenfalls relevante astronomische Grundlagen, ist es aber dennoch ein völlig anderes Bezugssystem. Wie aus diesem Kalender der Weltuntergang gedeutet werden kann (und ob das tatsächlich so geschehen ist und nicht nur Interpretation) ist mir unbekannt. Astrologisch sehe ich keine Konstellation, die auf ein derartiges Ereignis hinweist. Astronomisch soll der Sonnenwendepunkt (der Punkt, an dem die Sonne am 21.12.2012 steht) genau ins Galaktische Zentrum zeigen– immerhin ein schwarzes Loch. Aber auch hieraus erschließt sich mir kein Weltuntergang. Ebenso wenig sehe ich einen plötzlichen Aufstieg der Menschheit für 2012 in den astrologischen Konstellationen.
 
Wenn wir allerdings die Welt um uns herum und das globale Geschehen betrachten, sehen wir überall kleine „Weltuntergänge“. Beziehungen enden, Diktaturen lösen sich auf, Revolutionen werden brutal unterdrückt, Staaten-Gemeinschaften drohen auseinanderzufliegen, Finanzsysteme kollabieren, Natur- und Umweltkatastrophen historischen Ausmaßes reihen sich eins ans andere, soziale Unruhen und revolutionäre Strömungen breiten sich rasant aus. Krisenherde überall.
 
Astrologisch zeigt sich ein Epochenwechsel, ein grundlegender Strukturwandel – also mehr als eine Krise, die einfach vorbei geht. Der epochale Wandel, in dem wir uns befinden, wird gern die Geburt eines Neuen Zeitalters genannt. Zur Geburt braucht es für gewöhnlich eine Gebärmutter. Diese heißt altgriechisch: hystera. Und so findet man jeweils eine kulturgefärbte Form der Hysterie in allen großen geschichtlichen Umbrüchen. Gesellschaftliche Neuanfänge sind stets begleitet von Verschwörungstheorien, Gerüchteverbreitung, düsteren als auch glorreichen Prophezeiungen und Erlösungsvorstellungen.
 
Während wir uns selbst die Frage stellen, welche Wege, Chancen und auch Gefahren es für uns gibt in dieser Geburt, in diesem Heraustreten aus gesellschaftlichen, kulturellen und irdischen Bindungen, können wir im Außen jede Menge hysterische (heute genannt: histrionische) Symptome beobachten. Und nach gründlicher Innenschau sicherlich auch in uns selbst.
 
Die Hysterie galt zu der Zeit, ehe sich die Psychologie als empirische Wissenschaft durchgesetzt hatte, als Sammelbegriff wohl vieler Persönlichkeitsstörungen. Ein herausstechendes Merkmal nicht nur der histrionischen Störung ist die Projektion. Diese ist ein Abwehrmechanismus: wenn eigene unerträgliche Gefühle und Wünsche einem anderen Menschen oder Objekt zugeschrieben werden. Die eigenen meist unbewussten Eigenschaften werden im anderen bekämpft oder idealisiert. Neben persönlichen Projektionen auf Menschen gibt es politisch-gesellschaftliche – auf Menschengruppen, Rassen, Länder, Feiertage, oder auf Jahre, wie das Millennium, oder 2012.
 
In einer Zeit, in der sich viele Menschen von den etablierten Religionen weg hin zur Esoterik wenden, verschieben sich hier allerdings nur die Objekte der Projektionsflächen, das Projizieren bleibt. So scheinen besonders auch Menschen, die sich mit esoterischen und/oder religiösen Inhalten beschäftigen, anfällig für Projektionen zu sein. Der Erlösungsgedanke und die Angst (oder auch Hoffnung) auf eine Apokalypse waren jahrtausendelang zentraler Inhalt der christlich-abendländischen Kultur und leben in der New-Age-Bewegung weiter.
 
Menschen mit einem spirituellen Weltbild suchen nach dem Gefühl der Verbundenheit, befinden sich im Erkenntnisprozess von der Einheit allen Lebens. Wenn aber nun diese Erkenntnis nicht durch einen eigenen jahrelangen Prozess gewonnen wurde, sondern ein nachgeahmtes Wissen ist, schnell erworben in einer Konsumgesellschaft, die auch aus der Vermarktung spiritueller Inhalte ihren Gewinn zieht, entstehen verzerrte Wahrnehmungen und Interpretationen. Treffen diese nicht selbst durchdrungenen Erkenntnisse auf eigene infantile Bereiche oder auf eine sozial tief gekränkte Persönlichkeitsstruktur entstehen daraus eben jene Projektionen – ob nun der Dunkelheit oder dem Licht entgegen.
 
Entscheidend für dieses Phänomen ist die im Menschen tief verankerte Sehnsucht nach Erlösung. Nach C. G. Jung ist sie angeboren, ein archetypisches Grundbedürfnis, ähnlich dem Bedürfnis nach Fortpflanzung. Freud wiederum interpretierte dieses andauernde Streben nach dem Göttlichen als inzestuöses Verlangen. Liz Greene beschreibt die Sehnsucht nach Erlösung als einen uralten, eigenartigen und vielgesichtigen Dämon. Ein archetypisches – also überpersönliches – Verlangen, was allerdings nur schwer zu unterscheiden ist von infantiler Abwehrhaltung. Nur allzu leicht kann sich die Sehnsucht nach dem Spirituellen als Sucht oder resignierter Rückzug von der Wirklichkeit verkleiden.
 
Und nun beginnt also das Jahr 2012 – von dem so viel erwartet und befürchtet wird. Aus der astrologischen Sicht reiht sich das Jahr 2012 „nur“ in einen mehrjährigen durchaus angespannten Zyklus ein. Seit einigen Jahren sind wir schon Zeuge, dass eine neue Zeit beginnt, während eine andere vergeht. Überall wird von Paradigmenwechsel gesprochen.
 
Es ist nicht einfach, sich dabei der Macht der Medien und ihrer negativen Berichterstattung zu entziehen. Es ist dagegen einfach, überall eher einen Werteverlust als ein neues Bewusstsein zu sehen. Wie passen die vielen zerstörerischen Tendenzen zusammen mit der Hoffnung auf ein neues, goldenes Zeitalter? Wie kann ein konstruktiver Umbau unserer Gesellschaft gelingen, während wir gleichzeitig von den Schattenseiten unserer Kultur und Zeit fast überwältigt werden? Wir können nur hoffen, dass nach diesem Zusammenbrechen der etablierten Strukturen eine neue, bessere Weltordnung folgt. Wissen können wir es nicht. Wir können hoffen und unseren Beitrag leisten am Umbau und Neubau einer neuen Weltordnung.
 
Die nach Neuem strebende Kraft wird immer stärker. Je stärker dieser unaufhaltsame Drang nach Veränderung wird, um so stärker auch die rigiden Strukturen, die um ihre Macht fürchten. Wir können erkennen, dass die Politik hier für uns als Spiegel (Panoptikum) dient. Wir können ehrlich in uns suchen, wo uns selbst der Mut zum eigenen, neuen Weg fehlt. Wo wir unsere Macht/Ohnmacht projiziert haben. Wo wir Ausrichtung und Aufrichtung brauchen, diese neue rohe aufbrechende Willens- und Schöpferkraft in eine für uns angemessene Form zu bringen. Wie wir unsere Ideale auch aktiv umsetzen.

Dezember 2011

zurück